
Eine Rückkehr ist kein nostalgischer Schritt
Zurück im Kreis Höxter – und neu angekommen
Seit gut sechs Jahren unterstützt die „Willkommensagentur“ im Kreis Höxter Menschen beim Wiederankommen in der neuen, alten Heimat. Autorin Katharina von Ruschkowski ist eine von ihnen. Über Zerrbilder, Vorzüge und Zukunft auf dem Land
Ich habe die Gespräche noch im Ohr, die ich kurz vor meiner Rückkehr von Hamburg in den Kreis Höxter führte. Den Himmel oder die Hölle, nichts dazwischen, prophezeiten sie mir – Menschen, die das Landleben oft kaum kannten, höchstens aus Freitagabend-Dokus oder einer fernen Kindheit.
Und so brachen dann eben die Zerrbilder hervor. Die einen schwärmten: Ein Landleben, das wollte ich auch immer, mit viel Platz und ganz vielen Tieren! Sicher wirst Du dann Selbstversorgerin, oder? Andere blickten wissend und behaupteten: Ein Jahr, dann habt ihr genug von der Ödnis, der Vereinsmeierei, den Bussen, die zweimal am Tag fahren.
Seitdem sind mehr als zehn Jahre vergangen. Wir sind noch immer da, trotz und wegen allem. Unser Landleben ist weder Himmel noch Hölle, sondern meist irgendetwas dazwischen: ein gutes Leben eben. Es lohnt sich darum, zurückzukehren und Wurzeln zu schlagen – wenn man manches mitbringt und anderes vorfindet.
Die klassischen Rückkehrenden gibt es nicht. Jede Rückkehrgeschichte ist hochindividuell. Doch manche Herausforderungen, Freuden und Fragen gleichen sich: nach Wohnraum oder einem Bauplatz, nach Jobs, Ärzten oder zur nächsten Hebamme. Die „Willkommensagentur“ der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung im Kreis Höxter kann dabei eine wichtige Rolle spielen: als erste Anlaufstelle, als Lotse zu Kommunen, Unternehmen und Netzwerken. „Auch als Realitätscheckerin“, so sagt es Julia Handtke, die Leiterin der Agentur. Gerade bei „Landlust-Motivierten“ sei diese Qualität gefragt. Denn das Leben auf dem Land entspricht kaum irgendwo dem Idealbild, das Hochglanz- oder Fernsehmagazine zeichnen – und ist trotzdem in manchem ideal.![]()
Meine Rückkehr-Geschichte ist eine ganz typische – und dann auch nicht. Wieder in mein Heimatdorf mit knapp 500 Einwohnenden zu ziehen, das lag mir lange so fern wie die Idee auszuwandern. Denn der Kreis Höxter ist eben echtes Land, kein Land light im Speckgürtel einer Metropole. Weit versprengt liegen die kleinen Städte und Dörfer, wo es meist eine Pflicht ist, in der Feuerwehr zu sein und eine Ehre, Schützenkönig zu werden. Wo man sich kennt, die Kirche noch im Dorf ist und selbst jedes Stück Land einen Namen hat.
Nach dem Abitur zog es mich wie so viele meines Jahrgangs fort: Studium, erste Stellen als Journalistin. Über die Familie, bei meinen Geschwistern und Bekannten auch über die dörflichen Vereine blieb allerdings eine Art Nabelschnur zur Heimat bestehen. Für Dorf- oder Schützenfeste kehrten sie alle regelmäßig zurück. Und vor Weihnachten, der klassischen „Heimatzeit“, brauchte es keine Verabredung. Man würde alte Klassenkameradinnen und -kameraden gewiss in bestimmten Kneipen treffen. Die Willkommensagentur nutzt dies seit einigen Jahren gezielt für Aktionen wie Mailings oder Sonderveröffentlichungen in der Lokalzeitung, um die Rückkehr-Idee und die Agentur in den Köpfen junger Menschen zu platzieren.
Das Weggehen ist für die meisten nicht gleichbedeutend mit Flucht. Das erzählen fast alle Rückkehrerinnen und Rückkehrer, die Julia Handtke in den vergangenen gut sechs Jahren gesprochen und unterstützt hat. Lehr- und Wander-, Sturm- und Drangjahre seien empfehlenswert, eigentlich unverzichtbar. „Das Weggehen bereichert die berufliche Qualifikation und den persönlichen Horizont“, so Handkte. Es schärfe den Blick aufs Leben und zugleich aufs Land.

„Manches sieht man erst aus der Ferne klarer.“
Zum Beispiel den Luxus, mit viel Platz aufgewachsen zu können. Die Nähe zu Familie und alten Freunden. Das unkomplizierte Natur-Erleben, ohne zuvor aufs Rad oder ins Auto steigen zu müssen. Auch die Erfahrung, in kleineren Orten etwas bewegen zu können und dafür wichtig zu sein.
Für viele ist darum schon beim Wegzug klar, irgendwann zurückkehren zu wollen. Bei anderen sickern Idee und Wunsch erst mit den Jahren wieder ins Bewusstsein – wenn die eigene Familiengründung ansteht oder familieneigener Wohnraum leer steht. Meist wird jedoch die Job- zur Gretchenfrage. „Kaum jemand kommt wegen, niemand ohne Job zurück“, sagt Julia Handtke. Ein echtes Plus: Viele Unternehmen in der Region suchen Fachkräfte, es ist ein Schlüsselthema der Regionalentwicklung. Doch Optionen gibt es nicht in allen Bereichen. Digitalisierung und flexibles Arbeiten machen es mittlerweile leichter, alte, „städtische“ Jobs auf dem Land fortzuführen. Ohne diese Möglichkeit wäre für mich eine Rückkehr nicht denkbar gewesen.
Ich zog 2015 zurück – nicht, weil ich die Stadt satthatte. Das Landleben als Gegenbild zur Stadt zu begreifen, verleitet nur zu Klischees, siehe oben. Meine Erwägungen waren vor allem der damaligen Lebenssituation geschuldet: Da war und ist dieser Mann an meiner Seite, der Landwirt werden wollte – und der Bauernhof meiner Familie, der keinen Nachfolger hatte. Unsere erste Tochter war auf dem Weg. Zudem lockten mich das große Bauernhaus und die Möglichkeit, durch familiäre Unterstützung, rasch wieder freiberuflich arbeiten zu können. Julia Handtke hat dies auf eine Formel gebracht: „Der Kreis Höxter ermöglicht eine gute Work-Life-Heimat-Balance.“
Unsere Situation ist ein Glücksfall. Längst nicht immer sind Jobs für beide Partner, der Wohnraum sowie die Kinderbetreuung sofort sicher. „Einen Schritt ins Ungewisse müssen viele wagen“, sagt Julia Handtke. In ihrer Lotsenfunktion Sie versucht sie dann, Kontakte zu vermitteln und verweist auf bestehende Portale und Instrumente wie z.B. den Kitaplaner des Kreises Höxter. Handtke rät darum stets, rechtzeitig mit der Planung zu beginnen. Und noch etwas legt sie ihnen nahe: die Nabelschnur zu nutzen und alte Netzwerke zu reaktivieren, lange bevor man zurückkehrt. Ankommen dauert. Selbst mit Wurzeln auf dem Land ist man bei einer Rückkehr dort nicht automatisch verwurzelt. Handtke: „Eine Rückkehr ist kein nostalgischer Schritt zurück, sondern immer auch ein Neuanfang mit allen Höhen und Tiefen.“ Das Wurzelnschlagen bedarf Engagement und Offenheit auf allen Seiten.
Tatsächlich, das habe auch ich erlebt, machen alte Bekannte und vertraute Strukturen das Ankommen auf dem Land erstmal leichter, wenn man sich aufmacht und darauf einlässt. Doch die Nähe zu Familie und Freunden kann bisweilen auch beengend sein, aus Gemeinschaft kann sich Zwang ergeben – weil man Sachen „schon immer so gemacht hat“. Es braucht bisweilen Jahre, einen neuen Platz und eine Rolle in der Familie oder in alteingesessenen Vereinen zu finden, mit der man selbst zufrieden ist. Vor ein paar Jahren habe ich mit einer Freundin eine Schwimmgruppe für Kinder gegründet. Es ist beglückend zu erleben, wie schnell wie viel möglich ist. Für mich macht vor allem das Landleben aus: einfach machen.
Mit der Zahl der Rückkehrerinnen und Rückkehrer werden Lebensentwürfe bunter, steigt die Zahl derer, die anderes gesehen haben. Und darum auch Land-Dinge mal anders sehen und machen. Das kann für alle nur von Vorteil sein, für Unternehmen, Stadt- und Dorfgemeinschaften, für Vereine.
Für Julia Handtke leitet sich daraus auch eine wichtige Herausforderung für die Zukunft ab. Es braucht nicht nur eine Willkommensagentur. Viel wichtiger sei eine weithin „gelebte Willkommenskultur“. Auch die Agentur des Kreises Höxter könnte, sollte sich dahingehend weiterentwickeln: weg vom Beratungs-, manchmal auch Sorgentelefon rund ums Thema Wohnen oder Kita-Plätze, hin zu einer Plattform, die Menschen und Möglichkeiten zusammenführt, im Arbeits- und im Alltagsleben.
Denn Optionen und Vorzüge bietet diese Region etliche. Man redet nur wenig darüber – was wohl recht ostwestfälisch ist. Es gibt hier reichlich Handwerk und mittelständische Unternehmen; Hochkultur, für die Städter anreisen; stilles, schönes Land, von Qualitätswanderwegen erschlossen; zig Vereine und vor allem Menschen, die etwas bewegen wollen. Nirgends in Nordrhein-Westfalen engagieren sich mehr ehrenamtlich als im Kreis Höxter.
Für mich und meine Familie sind das gute Gründe zu bleiben – und auch nach zehn Jahren immer wieder auf Entdeckungsreise in der neuen, alten Heimat zu gehen.
Autorin: Katharina von Ruschkowski
Im Auftrag von der Gesellschaft für Wirtschaftsförderung im Kreis Höxter mbH
WillKOMMEN.WillBLEIBEN.WillHEIMAT.
Rückkehr- und Willkommensagentur Kreis Höxter
Julia Handtke, Telefon 05271 97 43 18









