Immer Online – immer angreifbar?
Gefahrenquellen aus der digitalen Welt

Die Welt vor unseren Haustüren hat sich verändert. Sie besteht längst nicht mehr nur aus Straßen, Schulen und Nachbarschaften, sondern auch aus Chats, Spielewelten, Feeds und Profilen, in denen Kinder wie selbstverständlich unterwegs sind. Im Kommissariat Vorbeugung der Polizei Höxter erlebt Annemarie Berghoff täglich, wie gefährlich dieser digitale Alltag sein kann: Cybergrooming, Gewaltvideos, rechtsextreme Inhalte, Kinder- und Jugendpornografie in Messengergruppen, perfide Täterstrategien und algorithmisch erzeugte Meinungskammern. Ein Blick in digitale Abgründe, der Eltern vor Herausforderungen stellt.

 

Frau Berghoff, wir erleben täglich, wie selbstverständlich Kinder und Jugendliche digitale Medien nutzen. Wo sehen Sie aktuell die größten Risiken in diesem „immer online“-Alltag für Kinder?
Ganz klar: Cybergrooming!!! Das klingt zunächst harmlos, ist aber übersetzt nichts anderes als der Versuch, Kinder digital anzulocken und für sexuellen Missbrauch zu manipulieren. Und genau das ist für mich mit großem Abstand die größte Sorge.

Was mich so erschüttert: Diese Übergriffe passieren überall in der digitalen Welt. In Chats, in Multiplayer- Spielen, in Gruppen, in privaten Nachrichten, völlig plattformunabhängig. Die Täter sind unglaublich manipulativ und erfinden immer neue Wege, um sich in das Vertrauen von Kindern zu schleichen, oft lange bevor Eltern überhaupt etwas bemerken. Auf dem realen Spielplatz würden wir bei jedem Fremden sofort hellhörig. Aber im Netz unterschätzen viele Eltern diese Gefahr immer noch. Dabei ist sie bei Snapchat und Co. allgegenwärtig und viel weitreichender, weil die Täter unsichtbar bleiben und sich in jede digitale Ecke schleichen können. Kurz gesagt: Das “immer online” macht Kinder erreichbar. Und diese Erreichbarkeit ist das Einfallstor für Menschen, die genau das ausnutzen.

Wie können Eltern mit diesen Gefahren umgehen? Hilft nur ein Verbot? Ein Verbot wirkt wie eine einfache Lösung, verschiebt aber die Probleme nur. Oft führt es dazu, dass Kinder heimlich weitermachen und sich noch weniger trauen, über unangenehme Situationen zu sprechen.

Annemarie Berghoff: Eltern brauchen vor allem Kontakt. Echtes Interesse, Nachfragen ohne Verhör, Zuhören ohne vorschnelles Urteil. Die Methoden der Täter sind so vielfältig und manipulativ, dass Kinder sie allein kaum durchschauen können. Und wir Erwachsene kennen diese digitale Welt nicht aus eigener Jugend. Gerade bei Jungen sind Spiele ein häufiges Einfallstor, bei Mädchen eher soziale Netzwerke, in denen Täter Nähe, Abhängigkeit und emotionale Bindungen herstellen. Darum zählt vor allem Präsenz im echten Leben. Zeit investieren, ansprechbar sein und einen sicheren Hafen bieten. Kinder, die sich gesehen fühlen, kommen auch dann zu ihren Eltern, wenn online etwas schiefgeht.

Kinder- und Jugendpornografie in Messengergruppen ist ein wachsendes Problem, auch im Kreis Höxter gibt es dazu täglich Fälle. Was müssen Eltern zur Rechtslage wissen und wie können sie ihren Kindern klarmachen, dass schon das Weiterleiten solcher Medien eine Straftat ist?

Annemarie Berghoff: Viele Eltern unterschätzen, wie ernst dieses Thema ist. Kinder- und Jugendpornografie in Messengergruppen entsteht oft nicht durch die Jugendlichen selbst, sondern durch Weiterleitungen. Rechtlich spielt das aber keine Rolle. Schon der bloße Besitz ist strafbar,  und durch automatische Downloads liegt solches Material schneller auf dem Handy, als man denkt. So geraten Jugendliche ins Visier der Ermittler, ohne je bewusst etwas gespeichert zu haben. Die wichtigste Regel lautet: keine nackte Haut, erst recht keine Bilder von Kindern. Die Konsequenzen sind hart. Beim Verdacht kommen LKA-Beamtinnen und -Beamte, beschlagnahmen alle digitalen Geräte und untersuchen sie gründlich. Diese Geräte bleiben nicht für Wochen weg, sondern oft für Jahre. Das Verfahren läuft weiter, selbst wenn jemand „eigentlich nichts damit zu tun hatte“. Diese Delikte werden immer verfolgt. Darum braucht es klare Aufklärung. Jugendliche müssen wissen, dass schon das Weiterleiten strafbar ist. Ein „Ich wollte nur zeigen, was da rumgeschickt wurde“ schützt sie nicht. Ein einziger Klick kann ihr Leben lange durcheinanderbringen. Auch Eltern sollten ihr eigenes Verhalten prüfen. Viele posten sorglos Urlaubsbilder oder scheinbar harmlose Aufnahmen ihrer Kinder in Gruppen. Doch man weiß nie, wohin diese Bilder wandern oder wer sie missbraucht. Durch KI verschärft sich das Risiko weiter, weil Bilder verfälscht und neu zusammengesetzt werden können.

Auch rechtsextreme Inhalte erreichen Jugendliche über soziale Netzwerke. Wie können Eltern einschätzen, ob ihre Kinder damit konfrontiert sind, und welche Gesprächsstrategien empfehlen Sie, ohne sofort in Konfrontation zu gehen?

Annemarie Berghoff: Frühe Mediennutzung bedeutet nicht automatisch Medienkompetenz. Kinder bewegen sich zwar sicher in sozialen Netzwerken, können aber die Absichten hinter Inhalten oft nicht einordnen. Deshalb bleibt das echte Gespräch das wichtigste Werkzeug. Eltern sollten aufmerksam auf Veränderungen achten: neue Symbole, Marken oder Kleidungsstile, veränderte Sprache oder ein anderes Auftreten. Solche Signale können darauf hinweisen, dass online etwas auf sie einwirkt. Wichtig ist auch, wem das Kind folgt. Influencer prägen Meinungen stark, wirken wie digitale Freunde und schaffen eine Bubble, in der andere Perspektiven kaum noch auftauchen. Was von dort kommt, erscheint schnell glaubwürdiger als Fakten. Darum sollten Eltern auch ihre eigene Mediennutzung reflektieren. Der Dialog über Meinungsbildung wirkt meist stärker als Verbote. Am Ende geht es darum, gemeinsam Fragen zu stellen: Wer sagt das? Warum? Und wer profitiert davon? Solche Gespräche öffnen Türen und helfen Kindern, Inhalte kritisch zu prüfen.

Viele Eltern fühlen sich technisch abgehangen. Was kann in dieser Situation helfen, um im digitalen Leben der Kinder präsent zu bleiben – ganz ohne IT-Expertise?

Annemarie Berghoff: Viele Eltern berichten auf Elternabenden, dass sie sich orientierungslos fühlen. Verständlich, denn wir Erwachsenen haben keine eigene digitale Jugend erlebt. Für Alkohol oder körperliche Risiken haben wir Vergleichsbilder, für das heutige Netzleben unserer Kinder nicht. Trotzdem können Eltern viel tun, ganz ohne Technikwissen. Entscheidend ist echtes Interesse. Verantwortung darf nicht an die Kinder abgegeben werden, nur weil sie Apps schneller bedienen. Sie brauchen Eltern als Team: Gefahren erklären, Warnzeichen erkennen, ansprechbar bleiben. Das ist digitale Fürsorge. Täter im Netz arbeiten perfide. Sie nutzen Scham und Schuld, lösen Kinder emotional von ihren Eltern und bauen sich selbst als Vertrauenspersonen auf. So entsteht eine digitale Falle aus Druck, Abhängigkeit und Erpressung. Das passiert täglich, auch hier im Kreis Höxter. Wer verstehen will, wie solche Mechanismen aussehen, findet in der aktuellen RTL-Serie ein realistisches Bild. Ein zentraler Faktor ist Einsamkeit. Sie macht Kinder besonders empfänglich für falsche Zuwendung. Deshalb helfen einfache Routinen: gemeinsames Essen ohne Geräte, kurze Gespräche, echtes Zuhören, kleine Rituale. Diese Bindung ist der stärkste Schutz im digitalen Alltag unserer Kinder.

Wenn Sie allen Eltern im Kreis Höxter drei Grundsätze für den sicheren Umgang ihrer Kinder mit Medien mitgeben könnten: Welche wären das?

Annemarie Berghoff: Ich habe da eigentlich nur einen: Sprecht mit eurem Kind – sonst tut es jemand anderes! Begleitet den digitalen Medienkonsum und schützt eure Kinder durch eine echte Beziehung.