
Kühe, Kälber und Hörner auf dem Hof Waldeyer
Hofleben transparent
Tietelsen. Eine Szene wie aus dem Bilderbuch in der Öko-Modellregion Kreis Höxter: Die Frühlingssonne scheint, auf einer saftigen Wiese tummeln sich Kühe und Kälber vieler Rassen und Farben, manche mit Hörnern. Einige dösen, andere futtern das frische Grün. Immer wieder suchen Kälber ihre Mütter, um sich eine Milchmahlzeit oder ein liebevolles Schlecken mit der langen Zunge abzuholen. Diese Idylle ist es, die die Milchkuhhaltung des „Hof Waldeyer“ kennzeichnet.
Der „Hof Waldeyer“ – das sind 75 Hektar Nutzfläche, die Hälfte Grünland. Das sind 75 Kühe, die nicht nur ihre Kälber ernähren, sondern dazu täglich gemolken werden. Das ist ein Hofladen, in dem die im Betrieb erzeugten Produkte angeboten werden. Und das sind Gisbert und Lisa Waldeyer mit ihren Kindern Ida (9), Lorenz (7) und Jakob (2). Gisbert und Lisa Waldeyer haben den Betrieb in den vergangenen Jahren mit viel Zuversicht, Einsatz und Ideen vom konventionellen Milchviehbetrieb zu einer biologischen Landwirtschaft nach den Richtlinien des Demeter-Verbandes entwickelt.
„Die Ställe waren veraltet und klein, das Melken der Kühe zeitaufwendig und unpraktisch“, erzählt Gisbert Waldeyer. Es mussten also Entscheidungen für die Zukunft getroffen werden. „Nach langen Überlegungen und Beratungen schlossen wir uns 2020 dem Demeter-Verband an, die Umstellung dauerte zwei Jahre“, erinnert sich Lisa Waldeyer. Das bedeutete eine rigorose Umstellung. Die bisher gehaltenen Mastbullen verließen den Betrieb, Stallgebäude wurden umgebaut und erweitert, die landwirtschaftliche Nutzfläche dient nur noch der Futtererzeugung. Waldeyers vermarkten nicht nur Milch an die Bio-Molkerei Söbbeke, sondern außerdem in ihrem Hofladen Rohmilch, aus ihrer Milch produzierten Käse, dazu Fleisch von ihren Tieren und weitere Waren wie Deko und Honig.

Muttergebundene Aufzucht
Der Betrieb arbeitet mit der „muttergebundenen Aufzucht“. Das bedeutet, dass Kälber nicht kurz nach der Geburt von ihren Müttern getrennt werden, sondern die ersten vier Lebensmonate mit ihnen verbringen und Muttermilch direkt aus dem Euter trinken. Zusätzlich werden die Kühe gemolken, seit Mai 2025 erledigt diese Arbeit ein Roboter. „Da sind die Kälber kurz von der Mutter getrennt, denn die Verletzungsgefahr in der Maschine ist zu groß“, erklärt Gisbert Waldeyer. Je nach Kuh ist das zwei oder dreimal am Tag. „Die Kühe entscheiden, wie viel Milch sie uns geben, das ist von Tier zu Tier verschieden“, führt der Landwirt aus.
Die Kälber tränken in den vier gemeinsamen Monaten durchschnittlich 15 Liter pro Tag, das sei anhand von Studien erwiesen. „Und den Rest bekommen wir“, erklärt Lisa Waldeyer. Aktuell seien das etwa 6.500 Liter pro Kuh und Laktation (die Zeit von der Geburt eines Kalbes bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Kuh keine Milch mehr gibt, um sich auf die nächste Geburt vorzubereiten).
Jedes Tier hat eigenen Charakter
Nicht alle Kälber bleiben nach der Milchphase auf dem Hof. Diejenigen, die nicht zur Ergänzung der Herde oder zur Fleischgewinnung für den Hofladen aufgezogen werden, werden an einen Bio-Mastbetrieb verkauft. „Das ist uns sehr wichtig, die Tiere haben dort die gleichen Lebensbedingungen wie bei uns“, heben Waldeyers hervor. Sie haben seit der Umstellung mehrere Rinderrassen auf ihre Kompatibilität mit der besonderen Arbeitsweise getestet. Zu den schwarzbunten Milchkühen, die vor der Umstellung zum Betrieb gehörten, gesellten sich Fleckvieh und Braunvieh, dazu einige Jerseys und Kreuzungen dieser Rassen. Neben den genetischen Veranlagungen wie Milchleistung, Muttereigenschaften oder Inhaltsstoffen der Milch hat auch jede Rasse, jedes Tier seinen eigenen Charakter – und die Landwirte kennen sie alle genau. „Das ist die Chefin hier“, weist Lisa Waldeyer auf eine große Braunvieh-Schönheit mit beeindruckenden Hörnern.
Laut Demeter-Richtlinien sollen Kühe Hörner tragen, und selbstbewusste Tiere nutzen diese durchaus, um sich Vorteile in der Rangordnung zu verschaffen. Neben der mutterkuhgebundenen Aufzucht bedeutet das eine weitere Herausforderung bei der Herdenführung. Trotzdem sind Gisbert und Lisa Waldeyer von der gemeinsamen Haltung der Mütter und Kälber überzeugt. „Die Kühe sind robuster und kaum anfällig für Stoffwechsel- oder Eutererkrankungen, und auch die Fruchtbarkeit ist besser als zuvor“, erklärt Lisa Waldeyer.
Milch für die Bio-Molkerei
Waldeyers liefern einen Großteil der Milch an die Bio-Molkerei Söbbeke, außerdem bieten sie in ihrem Hofladen Rohmilch aus dem Automaten an. Daneben sind aus eigener Milch produzierter Käse, Deko und Honig erhältlich, dazu Fleisch von hofeigenen Tieren. Etwa alle vier bis sechs Wochen wird eines geschlachtet und entsprechend der Nachfrage im Hofladen und den Bestellungen der Kunden zerlegt. Waldeyers bieten online über die Adresse www.hof-waldeyer.friedholt.de ihre Produkte an. Hier sind alle Waren übersichtlich aufgelistet und können direkt bestellt werden.
Die Vermarktung dieser weiteren Produkte neben der Milch ist wichtig, um die muttergebundene Aufzucht mitzutragen. „Es sind nun mal geringere Erlöse, die wir durch den Milchverkauf erreichen können“, führt Lisa Waldeyer aus. In diesem Sinne ist auch der Erwerb von Patenschaften für Kühe und Kälber möglich. Für jeweils ein Jahr können Tierfreunde mit einem Betrag ihrer Wahl die besondere Haltungsform unterstützen und erhalten im Gegenzug regelmäßig Fotos und Neuigkeiten von „ihrem“ Tier. Einblicke in das Hofleben bieten Waldeyers zudem auf ihren Facebook- (Hof Waldeyer) und Instagram- (hof_waldeyer) Seiten.
Hintergrund:
Mit diesem Artikel aus der Serie „Hofleben transparent“ schaut die Öko-Modellregion auf die Bio-Höfe um die Ecke bei uns im Kreis Höxter. Hier soll Landwirtinnen und Landwirten ein Gesicht gegeben werden und ihre berufliche Situation und Motivation für die Produktion von Bio-Lebensmitteln geschildert werden. Hinter den Betrieben stehen Familien, unternehmerische Entscheidungen und leidenschaftliche Akteure, die unsere Kulturlandschaft prägen, die aber allzu oft aus unserer echten Wahrnehmung verschwunden sind.
Text und Bild: I Spieker-Siebrecht im Auftrag der Öko-Modellregion Kreis Höxter