Starke Worte. Starke Orte.
Wie Kultur im Kreis Höxter Demokratie erlebbar macht

Ein Gespräch mit Maja Machalke

Was braucht es, damit Kinder, Familien und Dorfgemeinschaften sich als aktiver Teil unserer Demokratie erleben? Das Projekt „Starke Worte. Starke Orte“ sucht darauf kreative Antworten. Im Interview erklärt Maja Machalke, warum gerade Kultur im ländlichen Raum eine besondere Kraft entfalten kann und weshalb Mitmachen oft wirksamer ist als jedes Lehrbuch.

Frau Machalke, was war der Ausgangspunkt für das Projekt „Starke Worte. Starke Orte“? Warum braucht es neue kulturelle Formate, die Demokratie und Zusammenhalt im ländlichen Raum stärken?

Im Kreis Höxter und in ganz Ostwestfalen-Lippe haben viele bedeutende „Wortwerker“ gelebt: Hoffmann von Fallersleben, Annette von Droste-Hülshoff, Christian Dietrich Grabbe, Friedrich Wilhelm Weber, Ferdinand Freiligrath und andere. Sie alle haben schon vor Jahrhunderten erkannt, dass ein wertschätzendes, respektvolles Miteinander der Schlüssel zu einem Heimatgefühl ist, das niemanden ausschließt. Ohne Offenheit, Gastfreundschaft und die Fähigkeit zuzuhören kann es keine tragfähige Gemeinschaft geben.

Daran knüpfen wir an. „Starke Worte. Starke Orte“ nimmt das literarische Erbe der Region in den Blick, aber auch ganz konkrete Orte: Dorfgemeinschaftshäuser, Jugendzentren, Dorfcafés. Dort gibt es enormes Potenzial für Begegnung und Austausch, das sich seiner demokratischen Kraft manchmal noch gar nicht bewusst ist. Unsere neuen Formate sollen diese Potenziale sichtbar machen, zum Nachdenken anregen und Menschen zusammenbringen. Manches wirkt auf den ersten Blick ungewohnt, eröffnet aber die Chance, die eigene Heimat einmal aus einer neuen Perspektive zu betrachten, mit einer Art Beteiligungs- und Demokratiebrille.

 

Das Projekt setzt stark auf Begegnung, gemeinsames Singen, Erzählen und Mitgestalten. Welche Rolle spielt Kultur dabei, wenn es darum geht, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, auch bei unterschiedlichen Meinungen?

Kultur hat die besondere Fähigkeit, uns emotional zu erreichen. Sie verbindet, noch bevor wir anfangen zu diskutieren. Ob wir zusammen singen, einen Jutebeutel bemalen oder gemeinsam kochen, all das schafft Gemeinschaft ganz ohne große Worte.

Wenn Menschen zum Beispiel zuerst miteinander singen und danach ins Gespräch kommen, entsteht ein gemeinsames Grundgefühl: Wir gehören zusammen, auch wenn unsere Stimmen unterschiedlich klingen. Diese Erfahrung trägt in die Diskussion hinein. Unterschiede wirken dann weniger trennend, weil klar ist: Wir sind Teil einer Gemeinschaft. Genau dieses Gefühl brauchen wir auch gesellschaftlich. Uns verbindet sehr viel, und Meinungsvielfalt muss keine Angst machen.

 

Ein zentrales Ziel ist es, Demokratie als Haltung erfahrbar zu machen. Wie gelingt es, dabei nicht nur abstrakte Werte, sondern ganz konkrete Kompetenzen zu vermitteln?

In unseren Workshops und Aktionen werden Fähigkeiten ganz praktisch erlernt. Bei einem Mitmachkonzert etwa hört man automatisch auf andere, nimmt Rücksicht und erlebt, wie wichtig das eigene Tun für das Ganze ist. Uns geht es weniger darum, etwas zu erklären, sondern darum, Selbstwirksamkeit zu ermöglichen.

Gemeinsame emotionale Erlebnisse sind dabei ein wichtiger Baustein. Der andere ist die Vielfalt im Projektteam. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen bringen ihre Perspektiven ein. So können wir auf verschiedene Lebensrealitäten eingehen und Themen authentisch bearbeiten.

Wichtig ist uns außerdem, dass wir uns als lernendes Projekt verstehen. Wir greifen Anregungen auf, nehmen Einladungen in Dorfgemeinschaften an und entwickeln Formate gemeinsam weiter. Dort, wo auf Augenhöhe gearbeitet wird und echte Bedarfe im Mittelpunkt stehen, entstehen die nachhaltigsten Erkenntnisse.

 

Kinderrechte und Beteiligung spielen im Kreis Höxter eine große Rolle. Warum ist es so wichtig, dass Kinder nicht nur Angebote nutzen, sondern mitgestalten dürfen, zum Beispiel beim geplanten Spielplatzwettbewerb 2026?

Weil abstraktes Wissen allein nicht reicht. Kinder müssen erleben, dass ihre Meinung zählt. Sätze wie „Ich darf mitbestimmen“ oder „Ich kann etwas verändern“ müssen sich echt anfühlen. Maria Montessori hat das sehr treffend formuliert: „Selbsttätigkeit führt zur Selbstständigkeit.“ Wer früh Selbstwirksamkeit erfährt, entwickelt ein stabiles Selbstbewusstsein und ein Bewusstsein für Gemeinschaft.

Das ist auch gesellschaftlich wichtig. Unsichere junge Menschen, die sich nicht gehört fühlen, sind anfälliger für einfache, ausgrenzende Antworten. Eine offene, inklusive Heimatverbundenheit dagegen macht stark. Eine, die stolz auf Gemeinschaft ist, nicht auf Abgrenzung.

Kinder, die Freude am Mitgestalten erleben, werden sich mit größerer Wahrscheinlichkeit auch als Erwachsene für ihre Region interessieren und Verantwortung übernehmen. Sie begreifen ihre Heimat dann als etwas, das man gemeinsam entwickelt, wie einen großen Chor, in dem jede Stimme zählt.

 

Was wünschen Sie sich langfristig: Wie können Projekte wie „Starke Worte. Starke Orte“ Kinder und Familien stärken, Demokratie im Alltag zu leben?

Ich wünsche mir, dass vor allem Kinder verstehen: Meine Meinung ist wichtig. Wenn Familien mitreden und mitgestalten und wenn ihnen dieser Raum wirklich gegeben wird, entsteht ein lebendiger Austausch zwischen Generationen und Lebenswelten. Davon profitieren wir alle.

Viele demokratische Prozesse finden längst im Alltag statt: im Gespräch, beim gemeinsamen Singen, beim Teilen der Apfelernte mit den Nachbarn. Projekte wie unseres helfen, diese alltäglichen Handlungen bewusster wahrzunehmen und weiterzuentwickeln. Sie zeigen, dass Demokratie nicht nur in Parlamenten passiert, sondern überall dort, wo Menschen einander zuhören, Verantwortung übernehmen und gemeinsam handeln.

Wenn wir lernen, diese Fähigkeiten zu stärken, schützen wir etwas sehr Wertvolles: das Zusammenleben in einem vielfältigen, freien Land.

 


Info

Chris Hetkämper

Zur Person:
Maja Machalke ist geschäftsführende Gesellschafterin der KMH Kreativkollektiv gGmbH. In der Entwicklungsphase von „Starke Worte. Starke Orte“ war sie für die praktische Umsetzung verantwortlich, in der Umsetzungsphase ist die KMH Netzwerkpartner. Zudem betreut sie die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Projekts.

Kontakt:
kontakt@swso-owl.de

Zum Projekt:
„Starke Worte. Starke Orte: Demokratie durch Kultur“ ist Teil des Programms „Aller.Land – zusammen gestalten. Strukturen stärken.“
Gefördert durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), das Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) sowie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb). Programmpartner ist das Bundesministerium des Innern (BMI). Unterstützt wird das Projekt außerdem durch das Ministerium für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen.

Träger sind der Kreis Höxter und die Kulturstiftung Marienmünster.